Die ersten Herbstwinde fegten über das Land, während sich Thorvid auf den Weg zum Wall begab. Die See war rau, und einige der Knappen und Rekruten hingen über der Reling, um ihren Magen zu entleeren. Für einen Nordmann wie Thorvid war so eine Schifffahrt nichts Neues. Seit seiner Kindheit kannte er die See und ihre Tücken. Sein Vater sagte immer, dass das Meer wie eine Frau sei. Mal sanft und ruhig, mal aufbrausend und wild. Dem konnte er nur beipflichten.
Aus der Ferne konnte Thorvid die bunt gefärbten Wälder Mittlands sehen, die eine ungewohnte Idylle ausstrahlten, während das Schiff von einer Seite zu anderen geschaukelt wurde. Bald, so hoffte er, würde er ein vollwertiges Mitglied des Ordens sein. Danach würde ihm etwas mehr Freiraum bleiben, seine Pläne zu verfolgen. In der Zwischenzeit betete er, dass seine Schwester eine warme Bleibe gefunden hatte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der erste Schnee fiel, sodass ein Leben auf der Straße umso gefährlicher werden würde. Er wollte sie nicht frierend in einer Gasse wissen, während er genug zu essen und ein Bett besaß. Im Inneren betete er deshalb zu Athan und fuhr sich über seinen rechten Unterarm. Auf diesem ruhte die Tätowierung des Ordens. Anders als bei den anderen, die jene auf dem linken Unterarm trugen. Aber als Nordmann war er bereits an vielerlei Stellen durch seinen Glauben und seine Taten tätowiert worden.
„Du siehst nachdenklich aus“, sagte Ulrik und trat neben Thorvid.
„Sehe ich das nicht immer?“, entgegnete der Prinz und sah einigen Möwen hinterher, die sich über die Hinterlassenschaften der Rekruten hermachten.
 „Ja, aber immer, wenn du deine Brauen kraus ziehst, ist das meist ein Zeichen dafür, dass irgendein Unheil aufzieht.“
 „Ich denke gerade an die Zukunft“, erklärte Thorvid, und Ulrik brummte zustimmend.
 „Und an deine Schwester, vermute ich.“
Thorvid nickte.
 „Deine Besessenheit von ihr fasziniert mich immer wieder. Ich meine, ich habe selbst zwei ältere Schwestern und einen jüngeren Bruder, aber wir sorgen uns bei Weitem nicht so um einander.“
„Das liegt vielleicht daran, dass ich, wenn ich meine Schwester ansehe, in das Gesicht einer Göttin sehe“, murmelte Thorvid, nicht sicher, ob er das hätte sagen sollen.
Ulrik sah ihn musternd von der Seite an. „Einer Göttin?“, hakte der Hüne nach, und lachte kurz. Vermutlich hielt er die Äußerung von Thorvid für eine Übertreibung, aber dieser nickte. Er fragte sich, ob es gut wäre, sich jemanden anzuvertrauen. Sir Richard hatte ihm häufiger klargemacht, dass er für seinen Weg Verbündete brauchte, und nach den anfänglichen Schwierigkeiten mit dem angehenden Vollstrecker, hatte Thorvid das Gefühl, Ulrik vertrauen zu können. Gerade, weil Ulrik eine sehr direkte Art besaß – vor allem mit seinen Fäusten. Man wusste immer, was er dachte. Und es konnte nie schaden, einen des schwarzen Banners auf seiner Seite zu wissen.
Thorvid seufzte. „Sie sieht jemanden sehr ähnlich. Es gibt ein Bild einer Frau, die für meine Familie sehr wichtig war, und meine Schwester wirkt, als habe Xhar ihren Geist Athan übergeben, damit sie in den ewigen Fluss zurückkehren kann.“
„Als sei sie auferstanden?“, fragte Ulrik, und wieder nickte Thorvid.
„Ich habe dieses Gefühl in meinem Inneren, dass sie … wichtig ist. Zu wichtig, um sie das Leben einer normalen Herzogstochter führen zu lassen. Das Leben einer politischen Ware, die an alte Männer mit hängenden Eiern verkauft wird.“
Ulrik atmete schwer durch. „Ein Grund mehr für mich, nicht zu eurem Kreis gehören zu wollen. Bei euch wird viel zu sehr darauf geachtet, was das Gegenüber besitzt.“
Thorvid lachte. „Das ist bei euch Bauern nicht anders. Ihr heiratet auch in Familien, die euch etwas mehr Besitz bringen.“
 „Das schon“, gab Ulrik zu. „Aber meine Schwestern durften ihre Männer frei wählen. Und diese haben zu viel Angst vor mir, als dass sie sich trauen würden, sie schlecht zu behandeln.“
 „Das wird auch mein Ziel sein“, gab Thorvid zu.
„Einen Mann frei zu wählen?“, scherzte Ulrik.
„Nein, dass mich die Männer um meine Schwester herum fürchten werden. Dass sie wissen, dass ich sie ohne zu zögern vernichten kann, sollten sie wagen, ihr oder mir im Weg zu stehen.“
Ulrik musterte Thorvid ausgiebig. „Ich habe keine Zweifel daran, dass dir das gelingen wird.“
„Wenigstens einer …“, erwiderte Thorvid amüsiert und lehnte sich auf die Reling. „Aber erst müssen wir den Wall überleben!“
„Keine Sorge, dabei werde ich dir helfen“, antwortete Ulrik und klopfte Thorvid auf die Schulter, bevor er ihn verließ, damit er seinen Gedanken nachhängen konnte. Und wieder kam der Prinz zum Entschluss, dass es nicht schaden konnte, einen Vollstrecker auf seiner Seite zu wissen. Ulrik war ein Mann, der gerne diente und nützlich war, ebenso wie er selbst. Vielleicht lag das daran, dass sie mittlere Kinder waren, die schnell zwischen den Ältesten und den Jüngsten untergingen. Thorvid hatte bereits im Orden gelernt, dass Vertrauen keine Schwäche war, auch wenn er vieles noch geheim hielt und selten ins Detail ging. Vielleicht ließ sich das Vertrauen irgendwie nutzen. Vielleicht konnte er fähige und gute Menschen sammeln, die ihm halfen, und er ihnen im Gegenzug half. Unabhängig vom Orden.
Thorvid lächelte. Vielleicht konnte er eine Art eigenen Orden gründen, der ihn näher an sein Ziel brachte und die Sicherheit seiner Schwester gewährleistete.

Etwas Zeit verging. Thorvid packte das Wenige, das er von Calera mitgenommen hatte und machte sich bereit, die Küste Goldbachs zu sehen. Sie würden in Goldport anlegen und von dort aus weiter südlich reiten. Selbst auf dem Pferd dauerte die Reise knapp drei Wochen bis zur Sonnenfeste. Sie konnten die Versorgungskarren nicht schutzlos zurückfallen lassen. Sie transportierten Erze, Nahrung, Fässer voll Wein, Medizin und Briefe an die Ritter; ein gefundenes Fressen für Räuber und Gesetzlose. Im Grunde die erste Prüfung, der sie sich die zukünftigen Ritter stellen mussten, auch wenn bereits erfahrene Beschützer mit ihnen unterwegs waren.

Noch vor Sonnenaufgang erreichten sie schließlich Goldport und legten mit insgesamt vier großen Schiffen an. Dabei handelte es sich bloß um rund ein Dutzend Rekruten. Der Rest war der Versorgung und der Pferde geschuldet, die mitgereist waren.
Ungewohnt still ritt Thorvid neben seinem Paladin her; immer mit Blick auf die vor ihm liegende Straße. Ein Gefühl machte sich in dem angehenden Bewahrer breit, dass viel Neues am Wall auf ihn warten würde.

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