Kapitel 1

Blut tropfte auf den sandigen Boden. Sein schwerer Atem stob den Dreck vor sich in alle Richtungen und er hatte alle Mühe damit, noch scharf sehen zu können. Der letzte Schlag hatte gesessen! Trotzdem rappelte Thorvid sich auf und spuckte auf den Boden. „Da wurde ich von meiner Mutter schwerer verprügelt ...“, nuschelte er, während er spürte, wie seine Oberlippe anschwoll. 
„Der yveihische Prinz hält ganz schön was aus“, meinte einer der Rekruten, die Thorvid zeigen wollten, wohin ein Adliger seiner Art gehörte. 
Thorvid war der erste Nordmann, der sich auf die Insel Calera begeben hatte, um ein Ritter zu werden und nichts in dieser Welt würde ihn davon abhalten, sein Ziel zu erreichen. Selbst dann nicht, wenn ein paar andere Rekruten versuchten, ihm das blaue Blut aus den Adern zu prügeln. 
Auch wenn er es gerne anders gesehen hätte ... Er war nicht ganz unschuldig an dieser Auseinandersetzung. Es gab Momente, in denen es wohl besser war, seinen Mund zu halten. 
Ulrik, ein Rekrut in Thorvids Alter, würde sicherlich zu einem Vollstrecker werden. Seine Größe und Muskelkraft sowie seine stoische Art, Schmerzen zu ertragen, sprachen dafür. Aber es war vielleicht falsch gewesen, ihm zu unterstellen, dass ihm für alles andere auch der Scharfsinn fehlte – selbst wenn es stimmte. Ulrik fehlte anscheinend ebenso die nötige Toleranzgrenze, solch einen Kommentar zu überhören. 
Thorvid atmete tief aus. Er war seit drei Tagen auf der Insel und noch war er nicht getestet worden, ob er in den Reihen der Ritter aufgenommen werden würde. Man hatte ihm ein Zimmer gegeben, in dem er mit anderen Rekruten schlafen musste. Das war ihm fremd. Im Schloss von Yveih hatte er stets seine eigenen Gemächer besessen. Jetzt schlief er inmitten anderer junger Männer. In diesem Zimmer stank es erbärmlich, und das kleine Fenster reichte kaum aus, es ordentlich zu belüften. Ulrik schnarchte und Robert, ein anderer Rekrut, schrie manchmal nachts oder wanderte stundenlang durch die finsteren Straßen Caleras. Durch die alten Holztüren der Kaserne weckte er alle bei seiner Rückkehr.
Thorvid schloss seine Augen und atmete noch einmal tief ein und aus. In diesem Moment stürmte Ulrik erneut auf ihn zu und riss Thorvid um. Auf ihn sitzend, schlug Ulrik mehrfach auf ihn ein und ... Thorvid öffnete seine Augen und sah Ulrik noch vor sich stehen, als sei nichts geschehen. Seine Vorahnungen halfen ihm stets, zu wissen, was als Nächstes passieren würde. Ein Talent, das ihm seit seiner Geburt begleitete und für das er den Göttern dankbar war. 
Als Ulrik sich tatsächlich angriffslustig auf ihn zu bewegte, wand sich Thorvid blitzschnell an dessen massigen Körper vorbei, trat ihm in die Kniekehle, sodass Ulrik vor ihm hinfiel und er nahm ihn dann in den Schwitzkasten. „Du bist nicht der erste Hüne, gegen den ich kämpfe“, meinte Thorvid, dessen ältere Brüder auch allesamt größer waren als er. 
Ulrik spannte seine Nackenmuskeln an, lachte leise und erhob sich einfach. 
Mit großen Augen wurde Thorvid hochgehoben, da er sich weiterhin am Hals des Rekruten festhielt. Er spürte, wie seine Füße in der Luft baumelten, während der Rest der Gruppe, die den Kampf beobachten, in lautem Gelächter ausbrachen. „Einigen wir uns auf ein Unentschieden?“, fragte Thorvid, während Ulrik hinter sich fasste und ihn über sich warf. Staub und Dreck wurden durch den Sturz aufgewirbelt, sodass der Prinz kaum etwas sehen konnte. Er befürchtete in diesem Moment das Schlimmste. Einen Stiefel, der auf ihn zukam oder eine Faust, die sich durch den schmutzigen Nebel bohrte ... aber nichts geschah.
Erst nachdem sich der Dunst gelegt hatte, erkannte Thorvid, warum Ulrik innehielt. Ein Paladin des goldenen Banners stand neben der Gruppe; er musterte alle Anwesenden. „Was genau ist hier los?“, wollte Sir Richard von Seeheim wissen und zupfte abwartend an seinem weißen Schnauzbart. 
„Der neue Rekrut unterstellte Ulrik, er sei etwas ... minderbemittelt“, sagte einer aus der herumstehenden Gruppe, und Thorvid rappelte sich auf. 
„Das stimmt nicht ganz“, dementierte Thorvid den Vorwurf. „Minderbemittelt ist er bei weitem nicht. Immerhin hebt er andere hoch, als seien sie ein Sack Federn.“
„Und was ist dann die Wahrheit?“, wollte der Paladin wissen und verschränkte erwartungsvoll seine Arme vor sich, die damit seinen leichten Bauchansatz kaschierten. 
„Als die Gruppe meinte, Ulrik würde sicherlich ein Vollstrecker werden, dem ich absolut zustimme, meinte ich lediglich, dass es zu einem Beschützer und Bewahrer auch etwas mehr Scharfsinn braucht.“
Bei der Wiederholung seiner Worte machte Ulrik erneut einen Schritt auf Thorvid zu, aber der Hüne wurde vom rechten Arm des Paladins davon abgehalten, noch einmal auf den Prinzen einzuschlagen. 
„Euer Scharfsinn ist dann aber auch nicht sehr ausgeprägt, wenn Ihr dies in der Nähe eines Mannes wie ihm sagt“, ergänzte Sir Richard und grinste verschlagen in die Gruppe. Diese begann erneut zu lachen, und Thorvid wischte sich mit dem Ärmel seines beigen Gewands das Blut aus dem Gesicht. Wobei er es vermutlich nur noch mehr verteilte, anstatt es zu beseitigen. 
Der Prinz sah auf und musste einsehen, dass das wohl eine passende Lektion gewesen war. „Dem stimme ich zu“, antwortete Thorvid und sah Ulrik an. „Ich möchte mich bei Euch entschuldigen“, fuhr er dann fort, woraufhin Ulrik ihn erstaunt ansah. „Es stand mir nicht zu, Eure Intelligenz infrage zu stellen.“
Thorvid musste sich ins Gedächtnis rufen, dass er nicht da war, um Ärger zu machen. Er war beim Orden, um nach Unterstützung zu suchen. Während er sich prügelte, war seine Schwester irgendwo in Mittland unterwegs und musste ein Leben fristen, das niemals einer Prinzessin gerecht werden würde. Vielleicht war es auch die Sorge um sie, die ihm den Schlaf stahl ... Sie war erst fünfzehn und weitestgehend schutzlos dem einfachen Leben ausgesetzt. Er hatte ihr zur Flucht verholfen, damit sie Heinrich von Kosse nicht heiraten musste, der seine letzte Frau auf dem Schafott hatte enthaupten lassen. Eine junge Frau, die das warme Bett einer Wache dem des älteren Herzogs vorgezogen hatte. 
Thorvid musste so schnell es ging wieder nach Mittland und die Fährte seiner Schwester aufnehmen. Er musste wissen, ob es ihr gutging. Er durfte seine Zeit nicht verschwenden! 
„Wie lange genau muss ich warten, bis mich jemand testet?“, wechselte der Prinz daher das Thema und sah den Paladin herausfordernd an. 
„Oh, wenn Ihr wollt, prüfe ich Euch sofort. Aber da ich nicht annehme, dass Ihr hier seid, um den Bauern des Ordens als Knecht zu dienen, würde ich an Eurer Stelle warten, bis Ihr Euch zumindest in den Ansätzen wie ein Ritter verhalten und die Tugenden des Ordens aufrecht erhalten könnt. Geduld ist eine dieser Tugenden, Prinz“, erwiderte Sir Richard mahnend.
„Geduld ist etwas, das ich mir nicht leisten kann“, spie Thorvid durch zusammengebissene Zähne empor. Er verstand das alles nicht. Er hatte bei seiner Ankunft dem Orden dargelegt, was er sich hier erhoffte. Das die Zeit drängte, und doch ließen sie ihn warten. 
„Geduld ist etwas, das Ihr Euch leisten müsst!“, widersprach der Paladin und setzte sich in Bewegung. Mit einer Handbewegung machte er deutlich, dass Thorvid ihm folgen sollte. 
Etwas überrascht von der Aufforderung setzte sich Thorvid in Bewegung, aber nicht ohne direkt an Ulrik vorbeizugehen und diesem ein Mal gegen den Oberarm zu klopfen. „Das setzen wir dann ... später fort“, nuschelte er Ulrik zu und ließ ihn einfach stehen. Schneller Schritte holte er den Paladin ein.
„Ist das Eure Idee von Geduld?“, wollte Sir Richard amüsiert wissen, der anscheinend Thorvids Worte gehört hatte. 
Thorvid sah zur Gruppe zurück und schluckte trocken. Er machte sich keine Hoffnungen, gegen den Hünen bestehen zu können, aber irgendwie hatte ihn die Auseinandersetzung auch etwas abgelenkt. Beinahe Spaß gemacht. „Was das angeht, könnte ich jedwede Geduld aufbringen“, gab er zu, da er keinerlei Interesse daran besaß, noch einmal die Faust im Gesicht zu spüren. 
„Immerhin ein Anfang“, gestand ihm der Paladin zu. „Jetzt müsst Ihr dasselbe nur auch bei Eurer Schwester tun. Wie war ihr Name? Iouna?“
Thorvid nickte und atmete tief durch. „Ich weiß nur nicht, was sie gerade macht. Ob sie in Gefahr ist oder ...“
„Das wissen nur die Götter. Selbst die Bewahrer wissen nicht alles“, schien ihn der Paladin beruhigen zu wollen. 
„Ich hoffe das Beste ...“, murmelte Thorvid, der nichts anderes tun konnte als das. 
Der Paladin führte den jungen Mann die Treppen zur Außenmauer hoch, an der er nach ein paar Schritten stehenblieb und auf das offene Meer hinaussah, während sich die Sonne dem Horizont näherte. „Nun, das ist nicht zu übersehen“, bestätigte Sir Richard. „Die Frage ist, ob Eure Entscheidungen das Beste für sie waren ... oder für Euch?“
Thorvid lachte kurz auf. „Für mich wohl kaum. Ich verrate meine Sippe, indem ich hier bin. Sie halten ungefähr so viel von den Rittern, wie die Ritter von den Argul. Ich habe meine Schwester so gut vorbereitet, wie es mir möglich war ... Ich ...“ Thorvid folgte dem Blick des Bewahrers, während dieser ihn aus dem Augenwinkel kurz ansah. „Ich tue das für alle, aber sicherlich nicht für mich.“
Ein Grinsen huschte über das Gesicht des Paladins. 
„Da könnte ich es mir einfacher machen“, gestand Thorvid zuletzt, woraufhin Sir Richard ihn skeptisch musterte.
„Und warum tut Ihr das Gegenteil? Macht es Euch schwerer, und Ulrik zum Feind, kaum dass Ihr hier seid?“, verlangte der Paladin zu wissen.
„Na ja ... Ulrik und ich profitieren doch beide von solch einer Auseinandersetzung. Oder nicht?“, stellte Thorvid klar, was den Blick des Paladins an Skepsis gewinnen ließ. „Ich beweise, dass ich selbst nach harten Schlägen noch stehe und grinse, und Ulrik, dass er vermutlich das kräftigste Kerlchen ist, das hier herumläuft. Der nächste Rekrut wird sich überlegen, ihn herauszufordern und ein Vollstrecker wird vielleicht auf ihn aufmerksam.“
„Wir werden sehen, ob Ihr davon profitiert“, meinte Sir Richard grinsend. 
Dem Prinzen war klar, dass sein Anblick in den Reihen der Ritter ein seltener war. Um sich anzupassen, hatte er bereits seinen brünetten Zopf in seiner Heimat gelassen. Das Haar, das ihm einst bis zur Hüfte gereicht hatte, hatte er mit einer Klinge gekürzt. Er wollte nicht sofort als Nordmann entlarvt werden. Seither schmückte ein kurzes Haupthaar seinen Kopf und geradezu kahle Seiten. „Ich muss schneller lernen als andere. Das ist meine Anforderung an mich selbst, aber ich habe das Gefühl, dass ich erst ... begutachtet werde. Vor allem, da ich aus Delyveih stamme“, versuchte Thorvid, sich zu erklären. 
„Jeder wird hier begutachtet. Es ist nur selten, einen Nordmann auf Calera zu sehen, daher ...“ Sir Richard zuckte mit seinen Schultern und wandte sich ihm zu. „Es macht keinen Unterschied, dass Ihr ein Prinz seid, also wird es auch keinen machen, in welchem Herzogtum Ihr geboren wurdet. Und wenn Ihr lernen wollt ...“
Auch Thorvid sah den älteren Herren an. „Ich wurde wie ein Prinz erzogen, fühlte mich aber nie wie einer. Eigentlich ... habe ich mit den Rittern mehr gemeinsam als mit meinen Geschwistern, deswegen bin ich hier.“
„Vielleicht mit den Rittern, wie sie Euch im Palast von Yveih nähergebracht wurden, aber von einem Bewahrer seid Ihr weit entfernt.“
Wieder musste Thorvid lachen. Wahrscheinlich war die Darstellung der Ritter in Delyveih tatsächlich eine andere, als es den Tatsachen entsprach, wenn auch nur unwesentlich. Er schaute auf die Gruppe Rekruten hinunter, die immer noch mit Ulrik an der Stelle standen, an denen sich beide geprügelt hatten.
„Das weiß ich. Ich weiß auch nicht, ob die Bewahrer mein Weg sein werden. Ich war nie gut darin ... zu reden. Ich habe bereits mehr Menschen auf dem Gewissen, als die meisten anderen Rekruten hier. Ich weiß nicht, ob das die meisten Anwärter dieses Amtes von sich behaupten können.“
Sir Richard drehte sich zu Thorvid um und begutachtete ihn. „Nun ... wie Ihr vorhin eindrucksvoll bewiesen habt, werdet Ihr kein Vollstrecker.“ Er grinste verschlagen. „Als Beschützer könnte ich mir Euch vorstellen, aber ... nein. Zu reden ist nicht das Wichtigste als Bewahrer.“
Das war Thorvid neu. Er dachte die ganze Zeit, diese Art Ritter würde nichts anderes tun. Wieder etwas, das er anscheinend lernen musste. Nichts war gänzlich das eine oder das andere. Nicht alles nur schwarz oder weiß ...