"Wiederkehr der Götter"-Reihe
Alles rund um Iouna und Halvar

05.07.2021

Kapitel III

Es vergingen Tage und Wochen. Thorvid trainierte härter als manch anderer Rekrut und musste zudem bei Kerzenschein bis tief in die Nacht etliche Bücher wälzen. Richard wollte, dass er die Gesetze anderer Reiche lernte. Denn seit dem Tod des letzten Königs von Mittland schrieben die verbliebenen Herzöge ihre eigenen. Begonnen bei einfachen höfischen Sitten bis hin zu den Strafen bei Mord oder Diebstahl. Thorvid musste diese Dinge nicht nur lesen, er musste sie verinnerlichen. Denn jedes Gesetz, und jede Lücke in deren Gebilde, würden einem Bewahrer die Möglichkeit geben, passend zu reagieren. Der einzige Vorteil war, dass Thorvid viele der Adlige, die etwas zu sagen hatten, bereits kannte – zumindest namentlich. Morgens stand er auf dem Übungsfeld und abends verschwand er hinter einem Berg Büchern oder Schriftrollen. Thorvid sehnte sich innerlich nach Schlaf, aber diesen gönnte er sich nicht. Er konnte nicht. Teilweise vergaß er zu baden und zu essen, woran ihn aber seine Mitstreiter häufig erinnerten – vor allem an das Baden.
An diesem Morgen fuhr sich Thorvid müde über sein Gesicht, dass mittlerweile von einem brünetten Vollbart umrahmt wurde. Im Augenwinkel erkannte er, dass die Sonne bereits aufging. Gemächlich schob sich der helle Himmelskörper über den Rand der Welt und tauchte den Himmel in purpurfarbenes Licht. Sein Blick wechselte zu seinen Notizen, während im Hintergrund andere Rekruten aus ihren Betten stiegen.
„Hast du überhaupt geschlafen?“, wollte Ulrik wissen, nachdem er auf seinen Beinen stand.
„Ich glaube, ich bin zweimal eingenickt. Das muss wohl reichen“, erwiderte Thorvid und versuchte, seine eigene Schrift zu entziffern. Je müder er wurde, desto mehr verkamen die geschwungenen Buchstaben zu unleserlichem Gekrakel.
„Du wirst tot sein, bevor du nach Delyveih zurückkehren kannst“, kam von Robert aus der anderen Ecke des Zimmers.
Thorvid wandte sich ihm zu und erhob sich.
Während sich der Weißhaarige sein beiges Leinenhemd über den Kopf zog, nahm Thorvid seine Bücher zur Hand, die er noch vor dem Kampftraining Sir Richard zurückgeben wollte. „Keine Sorge, so einfach mache ich es euch nicht. Ihr werdet noch eine Weile mit mir haushalten müssen.“
„Deine Worte in Athans Ohr“, erwiderte Ulrik und öffnete die Tür in den Flur der Kaserne.
Thorvid richtete seine Kleidung und ging mit den anderen nach draußen. Der Prinz begab sich zu Sir Richards Haus, während die anderen das Übungsfeld ansteuerten. Als Paladin besaß Sir Richard ein eigenes kleines Anwesen auf der Insel. Es waren kein Palast, aber bot weitaus mehr Platz als ein einzelnes Zimmer.
Die schmalen Fachwerkbauten strahlten etwas Warmes aus, fand Thorvid, anders als die riesigen Bauten aus Stein, die er aus Delyveih kannte. Sir Richards Frau verzierte den Außenbereich des Hauses zudem mit Blumen und Kränzen, sodass es wirkte, als sei jeder bei ihnen willkommen.
Mit den Büchern vor der Brust klopfte Thorvid an die Tür des Paladins und hoffte, dass der alte Mann bereits auf den Beinen war.
Nach einem kurzen Moment des Wartens wurde die Tür geöffnet. Nicht von Richard selbst oder einem Kammerdiener, aber seine Ehefrau bat Thorvid herein. Ein paar Mal hatte er die Dame des Hauses bereits gesehen, die sich mit ihrem Mann die Leidenschaft des Essens offensichtlich teilte, auch wenn sie an die Formen ihres Mannes nicht heranreichte.
„Ist Euer Gatte bereits wach?“, fragte Thorvid, während Ingrid ihn musterte.
„Und Ihr seid es noch, wenn ich Euren Aufzug richtig deute …“, erwiderte sie und blinzelte ein paar Mal verwirrt.
„Ich lese … viel“, erklärte Thorvid und hoffte, dass das genug an Ausrede für sein Aussehen war.
Ingrid seufzte und schob sich eine weiße Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Das kenne ich. Meine Kinder haben auch immer viel gelesen, sodass ich sie zwingen musste, abends die Kerzen zu löschen.“
Thorvid nickte. Er ersparte sich, zu erwähnen, dass er nicht der Vielleser seiner Familie gewesen ist. Das war mehr Arthurs Aufgabe.
Ingrid ließ nach ihrem Mann schicken, indem sie einem Kammerdiener Bescheid sagte. Sie selbst war sich nicht sicher, ob der Paladin bereits angekleidet war.
Thorvid wurde unterdessen von Ingrid in das Lesezimmer begleitet, vorbei an etlichen Familienporträts, zu denen sie allesamt etwas zu sagen hatte. Welcher Maler sie angefertigt hatte, welchen Verwandten es zeigte und wann die Bilder gemalt worden waren. Der Prinz merkte, wie all diese Details an seinen Ohren abprallten. Er war schlichtweg zu müde, um sich auch nur noch einen Namen merken zu können.
„Es ist schade, dass unsere Enkelin bereits verheiratet ist. Ihr wärt sicherlich genau nach ihrem Geschmack gewesen“, frotzelte Ingrid und schenkte Thorvid eine Tasse Tee ein, während beide auf Sir Richard warteten.
Thorvid gähnte. „Ja, das ist … bedauerlich. Ich meine, sie ist bestimmt eine … liebreizende Person.“
„Das ist sie. Und klug!“, fügte Ingrid an, während ihr Mann das Zimmer betrat.
„Thorvid?“, fragte Richard, und der Prinz machte gleich einen Schritt auf seinen Herrn zu.
„Eure Bücher, Herr. Ich bin mit ihnen fertig und … bräuchte neue.“
„Ihr seht nicht aus, als wären Bücher das, was Ihr braucht“, antwortete Richard und musterte Thorvid genauso wie seine Frau zuvor. „Ingrid, gib dem Jungen erstmal etwas zu essen.“
Jungen …?
Ingrid stimmte ihrem Mann zu. „Ich lasse ihm auch ein Bad ein. Er sieht aus wie ein Landstreicher und riecht, als wäre er gerade aus dem Bordell am Hafen gestolpert.“
„I… Ich versichere Euch, dass dem nicht so ist“, wehrte Thorvid den Vorwurf ab. „Und mir geht es gut. Ich hatte nur viel zu tun.“
„Solange Ihr nicht verheiratet seid, spricht nichts dagegen, das Bordell zu besuchen“, stellte Richard klar, was ihn aber einen skeptischen Blick seiner Frau einbrachte. Der Paladin räusperte sich und betrachtete Thorvid noch einmal genauer. „Habt Ihr überhaupt geschlafen?“
Thorvid dachte nach und gähnte zum zweiten Mal. „Schon … etwas. Zumindest waren meine Augen geschlossen gewesen … irgendwann … vor drei Tagen? Welchen Tag haben wir heute?“
Erst jetzt bemerkte er, dass er vollkommen das Zeitgefühl verloren hatte. Vermutlich wäre Thorvid erst etwas aufgefallen, wenn es zu schneien begonnen hätte. Er erinnerte sich an alle seine Lektionen, die Gesetze und Landesgrenzen, aber er konnte nicht sagen, in welchem Mondzyklus sie sich befanden, geschweige, welcher Tag es war. Nicht einmal seine letzte Mahlzeit hätte er benennen können.
„Erinnert Ihr Euch noch, was ich über Euren Geist gesagt habe?“, wollte Richard skeptisch wissen.
Thorvid nickte – wahrscheinlich etwas zu deutlich, denn sein Nacken tat ihm weh. „Ja, dass er in guter Verfassung sein sollte, und das ist er auch. Ich kann die Bücher beinahe auswendig.“
„So so. Und wie lange seid Ihr bereits auf Calera?“, fragte Richard als Nächstes.
Thorvid zählte nach. Er war sich nicht sicher, deswegen versuchte er gekonnt, der Frage auszuweichen. „Ich bin auf Calera?“, stellte er amüsiert die Gegenfrage. Jene wurde aber nur mit Schweigen bestraft. „Ich denke, ich bin seit zwei Mondzyklen hier. Beinahe drei“, antwortete Thorvid dann zögerlich.
Nicht einmal Ingrid sah von der Antwort begeistert aus. „Du solltest dem Bengel tatsächlich eine Frau suchen, Richard. Sie würde darauf achten, dass er ausreichend schläft und etwas zu essen bekommt.“
Bengel …? Weiß sie, dass ich ein Prinz bin?
Richard fuhr sich nachdenklich über sein Kinn, während ihm der Einwand seiner Frau ein Nicken abrang. „Ihr sollt nicht denken, Ihr sollt wissen!“, wies er Thorvid zurecht. „Ich schätze Euren Eifer, aber ein müder Geist ist ähnlich nutzlos wie ein schwacher. Was nutzt Euch Euer Wissen, wenn Ihr den Tag des Empfangs bei Eurem Herzog aus Schlafmangel vergesst, an dem Ihr Euren sorgfältig geschmiedeten Plan ausführen könntet? Was, wenn der Plan sich spontan ändert? Wärt Ihr jetzt noch in der Lage dazu, einen neuen zu schaffen?“
Thorvid fiel keine Ausrede ein. Er musste sich eingestehen, dass er am Rande seiner Kräfte angelangt war. Er wehrte sich nicht einmal dagegen, dass Ingrid von Seeheim ihm eine Frau aufbinden wollte. Zu seinem Glück war die Enkelin vergeben, denn vermutlich hätte Thorvid in seiner Verfassung erst die Eheschließung bemerkt, nachdem das dritte Kind geboren war. „Nein, Herr“, gab er daher kleinlaut zu.
„Ruht Euch aus! Esst genug, und bei den Göttern, wascht Euch regelmäßig! Ihr seht aus, als wolltet Ihr Xhars Fliegen eine Heimat bieten!“, fuhr Richard fort.
„Ich richte ihm das Zimmer unseres Sohnes her. Wenn er gegessen und gebadet hat, soll er sich dort ausruhen“, fügte Ingrid hinzu. „Immerhin ist das Auftreten eines Bewahrers genauso wichtig, wie sein Wissen. Seine Kleidung taugt allemal nur noch für das Feuer.“
„Das ist wirklich freundlich, danke“, antwortete Thorvid und verneigte sich.

Ingrid ließ alles herrichten, und Thorvid war dankbar dafür. Vor allem, da er bei seinem Bad nicht in einem alten Waschzuber sitzen musste, in dem vorher etliche andere Anwärter gesessen hatten. Die Wanne des Paladins war groß genug, sodass Thorvid seine Beine ausstrecken konnte, und das Wasser war so warm, dass es seine Müdigkeit nur noch verstärkte. Erschöpft schloss er seine Augen und er hoffte, dass er nicht schon an Ort und Stelle einschlief. Immer wieder ging er in Gedanken das Erlernte durch und fühlte sich beinahe schlecht, dass seine Kameraden auf dem Feld standen, während er sich erholte.
Urplötzlich wurde Thorvid aus seinen Gedanken herausgerissen, nachdem eiskaltes Wasser über seinen Kopf geschüttet wurde. Er sog scharf Luft ein und war kurz davor gewesen, aufzuspringen. „Bei Athan … was soll das?“, stieß er erschrocken aus und saß prustend in der Wanne.
„Eine Erinnerung daran, dass ein müder Geist unaufmerksam und angreifbar ist“, belehrte Richard ihn und kam grinsend um die Wanne herum. „Wollte ich Euch Böses, wäre es kein Wasser gewesen, dass Euch überrascht hätte! Bleibt wachsam - und daher ausgeruht!“
„Ihr wolltet mir nichts Böses? Mein Herz wäre beinahe stehengeblieben“, verteidigte sich Thorvid. „Was macht Ihr, wenn ich im Zimmer Eures Sohnes ruhe? Springt Ihr dann aus dem Schrank heraus? Und ich warne Euch, macht das lieber nicht.“
Richard lachte. „Nein, eine Lektion genügt, nehme ich an. Jedenfalls schätze ich Euch so ein.“ Der Paladin stellte einen zweiten Eimer Wasser neben sich, in dem warmes Wasser zu sein schien. „Außerdem verbringe ich auch als alter Ritter meine Nächte lieber neben meiner Frau als bei einem stinkenden Bengel.“
Thorvid atmete tief durch, um den Schreck zu verarbeiten und musterte danach seinen Herrn. „Wie ist es …“, setzte er dann zögerlich an, „verheiratet zu sein?“ Die Frage war nichts, was unbegründet über seine Lippen kam. Denn da Richard für Thorvid verantwortlich war, oblag es auch dem Paladin, eine Frau für seinen Rekruten oder späteren Ritter zu finden. Thorvid war noch keine einundzwanzig, deshalb übertrug sich seine Vormundschaft von selbst auf denjenigen, der sich seiner angenommen hatte. Sein Vater hatte, da sich Thorvid auf Calera befand, dahingehend nicht mehr viel zu sagen. Nicht, dass Raik es je getan hätte, denn wichtig war nur die Verbindung seines Bruders gewesen. Des Thronerben.
„Oh, wenn Ihr Glück habt, und ebenso eine Seele zur Frau bekommt wie ich, dann wunderbar“, gestand Richard lächelnd.
Thorvid nahm das nickend zur Kenntnis. Aber das Bild eines Ehemannes und Vaters wollte nicht so recht zu ihm passen. Nicht in seiner Vorstellung. Viel wahrscheinlicher war für ihn, dass er ewig im Dienst des Ordens umherstreifen würde. Selbst dann, wenn er Heinrich in die Knie gezwungen hätte. Er hatte nicht das Gefühl, dass die Götter wollten, dass er zur Ruhe kam.
„Habt Ihr denn eine Dame, die Ihr heiraten wollt?“, hakte Richard nach, und Thorvid schüttelte seinen Kopf. „Nein. Frauen standen bisher nicht auf der Liste der Dinge, die ich zu erledigen hatte. Was nicht heißt, dass es nicht die ein oder andere im Schloss gegeben hätte, die … Nein, es gibt keine, die ich heiraten wollen würde.“
„Verstehe. Dann lasse ich Euch jetzt ausruhen – diesmal wirklich. Wehe Ihr ertrinkt.“
Das rang Thorvid ein erneutes Lachen ab. „Wir Nordmänner ertrinken nicht! Wir werden schwimmend geboren.“

PJ Lehmann - 09:10:35 | Kommentar hinzufügen